Samstag, 7. August 2010
Guten Tag,
Ich möchte hier mein erlebtes zu Papier bringen, damit es aus meinem Kopf verschwindet.
Es ist jetzt "SCHON" 14 Tage her und erst jetzt bin ich bereit dazu.

Ich war auch auf der Loveparade in Duisburg und wollte schon wieder nach Hause. Wieviel Uhr es war kann ich garnicht mehr genau sagen. Ich glaube ich saß um 18:00 Uhr im Bus.
Auf der Rampe war viel los, wir standen wie die Ölsardinen zusammen, haben aber alle geduldig gewartet dass es vorwärts ging. Ein paar Schritte ging es mal vor, dann standen wir wieder und es wurde immer enger. Aus dem Augenwinkel bekam ich mit daß ein Polizist zu seinem Kollegen sagte, dass das nicht mehr lange gut gehen würde und er hat 9 Kollegen angefunkt, die ihnen helfen sollten die Rampe zu schließen. Irgendwann habe ich dann gesehen wie mehrere Menschen versuchten auf die Treppe zu kommen. Die Polizei half was sie konnte und trieb die Leute die Treppe hoch. 1 1/2 Meter neben mir rief einer nach oben er bräuchte einen Sanitäter, ich habe garnicht reagiert obwohl ich eine Ersthelfer Ausbildung habe.
Zwei bewustlose Frauen wurden die Treppe hochgezogen, eine hatte keine Schuhe mehr an und ich dachte nur, was will die denn gleich machen, die kann da oben doch nicht ohne Schuhe auf dem Schotter laufen. Links kletterten die Menschen den Laternenmast hoch und ich habe mich gewundert, dass die Polizei nicht kam und das unterband, wenn da einer runterfällt. Ich muß dazu sagen, die Panikgefühle die bei mir aufkamen hatte ich erfolgreich unterdrückt, so nach dem Motte: das laß mal jetzt bleiben, das kannst du jetzt garnicht gebrauchen."
Ich hatte nicht gesehen was da vorne passierte, aber das macht nix, das Gehirn hat es dann mit den Fernsehbildern kombiniert und nun ist es für mich als wenn ich es sofort kapiert hätte. Dazu später mehr.
Irgendetwas hat mir gesagt, ich bin hier falsch, ich muß hier weg. Ich blieb einfach stehen und die Leute gingen an mir vorbei. Hinter mir war dann sogar etwas Platz. Inzwischen hatte sich auch eine Polizeikette gebildet die die Menschen daran hinderte die Rampe runter zu gehen. Als ich einen Polizisten fragte, wo ich denn jetzt raus käme, gab er mir den freundlichen Tipp ich sollte es auf der linken Seite versuchen. Inzwischen wollte ich nur noch von diesem scheiß Gelände runter. Was aber leider nicht so einfach war. Überall waren Zäune und auf einmal stand ich vor einer anderen Schleuse voller Menschen, die auf das Gelände wollten. Ein Ordner meinte ich sollte mich an denen vorbei quetschen zum Ausgang. Nein danke, das war nichts für mich. Noch mal in so eine Enge, nicht mit mir. Ein Stück weiter Richtung Hauptbühne war ein Spalt im Zaun für Sanitäter. Dahinter wurde diskutiert ob man jetzt für alle aufmacht oder nicht. So langsam kam ich nicht mehr gegen meine Panik an und hätte den am liebsten eine reingehauen, die waren ja draussen. Dann hatten sie aufgemacht um sofort wieder zuzudrücken, weil die Leute von hinten gleich dagegen drückten. Gott sei dank stand ich ganz vorne und war mit als erster da durch, als dann endlich ganz aufgemacht wurde. Ich hab nur gedacht, jetzt blos nicht rennen, das könnte Panik geben. Dann gab es auch gleich ein Loch im Zaun wo es die Böschung runter ging zum Tunnel. Da war es sehr rutschig und auch wieder sehr brenzlich weil von hinten so viele nachkamen, man aber nicht so schnell da weg kam. Im Tunnel hab ich zwar ein paar verstörte Leute auf dem Bürgersteig sitzen sehen, hab aber nicht darauf reagiert. Über Umwege und Hinterhöfe bin ich dann zum Bus gelangt, weil an der Düsseldorfer Str. ja auch alles abgesperrt war. Man kam sich echt gefangen vor. Als der Bus losfur kamen 5 Feuerwehrautos angebraust und ich dachte noch, oh Gott da muß noch was viel schlimmereres passiert sein. Wir alle im Bus waren ziemlich fertig mit den Nerven. Als ich zu Hause war hab ich gleich den Fernseher angemacht um zu sehen was in den Nachrichten kam. Da lief schon die Sondersendung und sie sprachen von Toten und Verletzten. Ich hab nur noch geheult. Bis dahin hatte ich geglaubt, das ist passiert als ich schon weg war. Es hat bis Montag abend gedauert bis ich den zeitlichen Ablauf gecheckt hatte. Das ich mitten da drin war und Glück hatte dass ich mich erst verlaufen hatte und später auf die Rampe kam, sonst wäre ich nämlich genau in der Ecke gewesen. Ich weiß nicht warum, aber dass ich so viel Glück hatte kommt bei mir im Hirn garnicht an. Als wenn ich von jemand anderm schreibe.
Bis Mittwoch war ich noch arbeiten auch wenn die Bilder immer wieder hochkamen und ich mich nicht gut konzentrieren konnte. Nachts hatte ich Schlafstörungen, aber das ist ja auch nicht verwunderlich. Am Dienstag viel mir das erste Mal ein, ich hätte doch bestimmt helfen können, ich bin doch Ersthelfer. Von Mittwoch auf Donnrstag hatte ich einen Alptraum und von da an ging nichts mehr. Der Körper war total verkrampft, alles war stocksteif, das Atmen fiel schwer, bewegen ging auch fast nicht.
Ich bin dann zu Hause geblieben und habe mit der Polizeikatastophenseelsorge telefoniert. Die waren sehr nett und hilfsbereit. Ich war überrascht, dass sie so schnell zurüch gerufen hatten. Am Freitag morgen bin ich dann nach Essen zu einem Gespräch gefahren. Zwei Beamte haben mit mir gesprochen und erklärt, dass das alles völlig normal ist, was jetzt mit mir passiert. Das Gehirn ist völlig überlastet mit den Eindrücken die darauf eingeprasselt sind. Und das ich garnicht hätte helfen können, weil ich es nicht mehr selber steuern konnte, weil das Gehirn nur noch auf Flucht programiert war, was auch gut so war.
Es gibt drei Arten auf so etwas zu reagieren; die einen flüchten, die anderen aggieren und die dritten stellen sich tod.
Wichtig wäre für mich, dass ich mir etwas gutes tue, dem Gehirn Zeit lasse das alles zu verarbeiten und dass es zwischen 2 und 8 Wochen dauern kann, bis die Symtome vorbei sind. Das war wirklich sehr hilfreich. Sie haben mir auch einen Zettel mitgegeben, wo die verschiedenen Symtome noch mal aufgelistet sind. Das hat mir auch schon geholfen, weil man sich schon fragt, ob man noch richtig tickt.
Nun ist jeder Tag andern; plötzlich habe ich Panik wenn ein paar Menschen in meiner Nähe sind. Montag mußte ich um Arzt wegen einer AU, da bin voll abgedreht wegen der 5-7 Leute die da standen. Wenn ich mit dem Rad fahre erschrecke ich mich wenn ein Auto zu nah oder zu schnell auf die Kreuzung zu fährt. Alles so Sachen, die ich vorher nicht kannte. Alpträume und verkrampfte Nächte habe ich immernoch, aber nicht mehr so schlimm wie am Anfang. Das liegt aber vielleicht auch an dem pfanzlichen Mittel das der Doc mir gegeben hat. Wenn mein Gehirn zuviel input kriegt, streikt es; ich werde hundemüde oder kriege Kopfdruck oder kriege Panik.
Heute war ich bei einer Psychologin und sie hat mir auch nochmal erklärt, dass der Arbeitsspeicher total überlastet ist und Zeit braucht alles zu verarbeiten, sonst kann es sein, dass die Festplatte abraucht. Ich soll mein Leben schön in Watte packen und nur soweit gehen wie es mir gut tut. Man kann nichts erzwingen. Ich hatte überlegt ob ich noch mal zum Tunnel gehen sollte, aber bei dem Gedanken krieg ich gleich Magenkrämpfe und Angst. Nee das ist jetzt nicht das richtige.

Es hört sich jetzt für einige vielleicht sehr egoistisch an, dass ich hier nur von mir erzähle, aber ich kann alles andere nicht an mich rankommen lassen. Wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe muß ich gleich heulen und mein Gerüst droht zusammen zu brechen.

Zum einen schreibe ich dies alles um es damit vielleicht los zu werden und zum andern, um denen die nicht bei einer Beratung waren, zu zeigen dass das was sie vielleicht ähnliches jetzt erleben völlig normal ist und es sehr hilfreich ist mit den Hilfskräften zu sprechen. Ich würde es jederzeit wieder tun.

Ach übrigens, einer der netten Polizisten, die sich mit mir unterhalten haben, hat heute angerufen und gefragt wie es mir geht. Das fand ich sehr nett. Die haben bestimmt jetzt alle Hände voll zu tun und nehme sich dafür auch noch die Zeit, toll.

Vielen Dank noch mal für alles!!!!!!

So, ich bin jetzt erst mal fertig. Danke für alle die bis zum Schluß durch gehalten haben. Nun muß ich ins Bett, ich bin völlig platt.


Samstag 7:34
Mein Gott war das eine Nacht. Mein Schlafzimer entwickelt sich zur eigenen Foterkammer. Der Körper kämpft mit fast allen Mitteln, ausser der Ohnmacht, gegen die Bilder im Kopf. Es gibt keine Faser am Körper die nicht schmerzt. Alles ist verkrampft.

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